Aufarbeitung der Ettaler Internatsvergangenheit seit 2010

Ettal ist eines von vielen kirchlichen und weltlichen und Internaten und Heimen, bei denen im Jahr 2010 die Missstände der Vergangenheit, wie inkonsequentes Vorgehen gegen sexuellen Missbrauch und Duldung von physischer Gewalt öffentlich zu Tage traten.
In Ettal hat sich die Klostergemeinschaft der Vergangenheit gestellt und dadurch ermöglicht den im deutschen Quervergleich wirkungsvollsten Aufarbeitungsprozess gemeinsam mit uns zu realisieren.
Im folgenden sind die Phasen dieses Prozesess beschrieben:

Der öffentliche Auftakt 01/2010

Am 28 Januar 2010 begann die Veröffentlichung von sexuellem Missbrauch in deutschen und österreichischen Internaten mit dem Bericht über das Canisius Kolleg in Berlin. Die Betroffenen des Ettaler Internates warteten gespannt, bis auch die Ettaler Vergangenheit aufgedeckt wird. Dies geschah am 22.02.201o mit dem Artikel "Pater M. - ein Dokument namens 'Bekennen' " in der [Süddeutschen Zeitung]. Pater M. hatte in den 60er Jahren und zwischen 1974 -1983 sehr viele Kinder sexuell missbraucht. Wir schätzen die Zahl auf deutlich über 100 Kinder.

Ringen um die Anerkennung der Misstände der Vergangenheit 02/2010 bis 10/2010

In wenigen Wochen wurden ca. 100 Berichte von betroffenen ehemaligen Schülern abgegeben. Der Großteil umfaste körperliche Gewalt im Internat. Schwierigkeiten bereitete uns, dass die Berichte von "Sonderermittler" Pfister vom Kloster nicht akzeptiert wurden [Report BR]. Die Geschehnisse wurden Ende Juni im [Magazin der Süddeutschen Zeitung] "Mauern ohne Ende" plastisch und durch unser zutun sachrichtig dargestellt.
Anfang März organisierte einer von uns eine professionell moderierte Selbsthilfegruppe und schuf dadurch ein Netzwerk, das zu unserer Vereinsgründung führte. In dieser Phase wurden wir durch die Anwaltskanzlei Dr. Lang & Kollegen [Link] unterstützt.
Das Kloster hatte unabhängige Mediatoren engagiert, um eine Kommunikation zwischen dem Ende Juni gegründeten Verein "Ettaler Misshandlungs- und Missbrauchsopfer" und dem Kloster zu ermöglichen. Mit dieser Unterstützung konnten wir bis Oktober ein gemeinsames Bild zwischen Verein und Kloster erzeugen, was in Ettal über die Jahre stattgefunden hatte und wer was wann wusste. Dies ist ein fundamentales Betroffenen Bedürfnis.

Lösungsfindung 11/2010 bis 02/2011

Unter Einbeziehung von Prof. Hans-Joachim Jentsch [Zur Person] und den Mediatoren konnte ein Vorgehen zur Entschädigung und Hilfe erarbeitet und abgestimmt werden. Verkündet wurde  am 18.2.2011 ein [ Kloster 7 Punkteprogramm] [Tagesschau] (Die Angabe im Beitrag 5.000€ ist nicht richtig)

Entschädigung 03/2011 bis 09/2011

Zur Umsetzung von Hilfs- und Entschädigungszahlungen wurde ein Kuratorium mit Rolf Hüffer [zur Person] und Angelika Neugebauer vom weissen Ring und Stefan Port von kibs gebildet. Es wurden Entschädigungen von 5.000 bis 20.000 € bemessen und zusätzlich Kostenübernahme von Therapiekosten von 5.000 € übernommen.
Am 06.09.2011 gibt das Kloster [Kloster Ettal] die Entschädigungszahlungen bekannt: Das Kloster Ettal zahlt an 70 ehemalige Schüler Entschädigungen und Hilfen in Höhe von von ca. 700.000 € aus. Alle Betroffenen finden am Tag der Presseerklärung des Klosters den Brief zu Entschädigungszahlung in ihrem Briefkasten und einen Tag später das Geld auf dem Konto vor. Das Geld ist für die meisten Betroffenen ein sehr wichtiges Schuldanerkenntnis.

Ursachenforschung 09/2011 bis 03/2013

Anfang September erscheint das Buch von Bastian Obermayer und Rainer Stadler [Bruder was hast du getan]. Auf 288 Seiten werden die Geschehnisse in Ettal detailliert zusammengetragen und eine Ursachenanalyse betrieben. Damit war das gesamte Grauen in lesbare Form gebracht worden.
Gleichzeitig begann die Arbeit an der sozialwissenschaftlichen Studie des "Institut für Praxisforschung und Projektberatung" [ipp-muenchen.de], die am 7. März 2013 abgeschlossen wurde. In diesem Zeitraum hatten sich Kloster und Verein regelmäßig getroffen, um die Studie zu begleiten.
Ziel der Studie war es, dass Kloster und Betroffene verstehen wollen, wie es zu den Zuständen kommen konnte. [Studie][Pressemappe]
[Tagesschau] [Heute] [SAT1]. Die Chronik eines Martyriums [Bayerischer Rundfunk] Schande [Süddeutsche Zeitung] Nun liegen die Ergebnisse vor. [Mittelbayerische Zeitung].
Die Studie ist ein wesentlicher Meilenstein der Aufabreitung. Nun sind in nachvollziehbarer Analyse die Ursachen und Folgen der Vorgänge im Ettaler Internat dargestellt. Die Deutung der Vergangenheit hat ein wissenschaftliches Fundament.

Ausklang 04/2013 bis heute

Die Jahre 2010 bis 2013 waren für uns retraumatisierend. Seit der Veröffentlichung der ipp Studie haben sich die betroffenen allergrößtenteils wieder ihrem normalen Leben zugewandt.
Offene Punkte sind nun der Ort des Gedenkens. Hierzu gibt es ein Projekt des Klosters, das die Vergangeheit in der Sprache des Klosters in einem Relief ausdrücken soll. Wir haben mit dem Kloster vereinbart, dass wir Betroffene noch ein Objekt in Ettal aufstellen werden. Uns ist die Zukunftsorientierung wichtig: Im Nachhin sind gut und böse leicht unterscheidbar, in der Situation des Geschehens ist das beliebig schwierig und erfordert Mut sich zu positionieren.

Wir überlegen, wie wir uns mit unseren Erfahrungen im Weiteren in Ettal und anderen Institutionen einbringen. Ettal ist nur ein Ort von vielen, an dem institutionelle Ganztageskinderbetreuung und -erziehung erfolgt. Die Sensibilisierung in Ettal zu Prävention von sexuellem Missbrauch und physischer Gewalt ist sehr hoch, in vielen anderen Einrichtungen ist dies nicht der Fall.

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